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Auf Amor's Pfaden

  • 7. Juli 2017
  • 9 Min. Lesezeit

Keanu saß auf einer Bank an der Uferpromenade und überlegte, was er tun sollte.

Es kam ihm vor, als hätte sein Leben ein Strudel erfasst, der das eine nach dem anderen zog. Gerade hatten sie Gregory in einen Flieger verfrachtet und er war auf der Jagd nach Marcos und dem Amulett. Als ob das alles nicht schon aufregend genug wäre, hatte ihm Veronica eröffnet, das Giada auf der Insel war und am Abend seines Geburtstages, als er in Mgaar auf Marcos gelauert hatte, mit Mikiel und Gregory zu Abend gegessen hatte. Er hielt es im Kopf nicht aus. Veronica stellte Giada als eine Art verschreckte Heilige dar, die für die Geschehnisse nicht verantwortlich gemacht werden konnte, sondern ein Opfer der Umstände war. Ha, aber er wusste es besser. Giada war der Teufel, in hochhackigen Schuhen mit einem betörenden Lächeln. Sie war die Gottesanbeterin, die den Männern den Kopf abriss, wenn sie mit ihnen fertig war! Er glaubte Veronica kein Wort! Sie sagte, dass Giada von ihrem Vater zur Heirat mit einem Kriminellen gezwungen worden und deshalb abgehauen war. Was für eine Farce, Giada war ja selbst unter Kriminellen aufgewachsen, also sollte sie ein Bräutigam mit zwielichtiger Vergangenheit nicht sonderlich stören. Einfach lächerlich. Zudem habe sie absichtlich erst auf Gregory geschossen, nachdem er das Amulett in den Krater geworfen hatte, weil sie über die Legende Bescheid wisse. Da lachten ja die Hühner. Dieses Biest versuchte ihn immer noch zu verarschen und hatte es geschafft, dass Veronica, die sonst eher misstrauisch war, ihr den ganzen Mist tatsächlich abkaufte. Er hätte gerne mit Mikiel darüber gesprochen, aber der wandelte seit heute Mittag auf Amors Pfaden und hatte ein Date mit Arvela. Verdammt, wenn man jemanden zum Quatschen brauchte, war keiner da. Veronica bestand darauf, dass er heute um halb sieben bei Giada vor ihrem Hotelzimmer auftauchte, wie ein Idiot sollte er an ihre Türe klopfen und sich mit ihr aussprechen. Er wollte sich aber verdammt nochmal nicht mit diesem Biest aussprechen, nein, er hatte sogar Angst, sie wiederzusehen. Angst, dass er wie Veronica den ganzen Mist glaubte, den sie ihm ohne Zweifel auftischen würde. Er sagte Veronica, dass es eine Falle sein musste und dass er nicht glaubte, dass sie ihre Familie einfach so zurückliess, um zu neuen Gefilden aufzubrechen. Wenn sie schon abhauen würde, warum unbedingt nach Malta? Da steckte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Plan dahinter. Er tat sein Bestes, um Veronica klar zu machen, dass es nichts zu sagen gab zwischen Giada und ihm. Selbst wenn sie Mutter Teresa persönlich gewesen wäre, gäbe es nichts mehr zu sagen. Leider war Veronica eine äußerst sture Frau und wollte nichts davon wissen. Sie war der Meinung, dass Giada die Möglichkeit haben müsse, ihm ihre Version der Geschichte zu erzählen. Er wäre ihr dies schuldig. Er vergrub den Kopf in seinen Händen. Er war ihr gar nichts schuldig, verdammt. Sie hatte seinen Glauben an das weibliche Geschlecht dermaßen erschüttert, dass er sich womöglich nie mehr davon erholen würde, wenigstens beziehungstechnisch. Wenigstens wusste er jetzt, dass Giada tatsächlich auf dieser verflixten Insel war, denn er hatte sie letztlich überall gesehen und an seinem Verstand gezweifelt. Er erinnerte sich nur zu gut an die blonde Kurzhaarige, vor der er sich im Café zum Affen gemacht hatte.

Aber Veronica würde keine Ruhe geben, bis er sich mit Giada unterhielt, das wusste er aus Erfahrung. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es sehr schwierig, sie von etwas Anderem zu überzeugen. Er kam wohl kaum darum herum, Giada zu treffen. Missmutig schlenderte er im Schneckentempo in Richtung des Hotels, in dem Giada wohnte und Veronica unglücklicherweise arbeitete. Sie hatte sicher ihre Spitzel auf ihn angesetzt und die würden ihr Morgen Bericht erstatten, ob er auch tatsächlich dort erschienen war oder nicht. Mist, verdammter! Aber er würde nicht pünktlich erscheinen, das Biest sollte auf ihn warten. Er schaffte es, wenigstens solange herumzutrödeln, dass er mit einer halben Stunde Verspätung im Hotel Nettuno eintraf. Vor Giadas Zimmertüre im zweiten Stock mit der Nummer 222, dachte er sich, dass eigentlich 666 besser zu ihr passte, aber blöderweise hatte das Hotel leider nicht so viele Stockwerke und Zimmer. Finster dreinblickend klopfte er an die Türe. Anstatt einer strahlenden verführerischen Giada, die sich in den Türrahmen stellte, gab es ein Gepolter im Inneren des Zimmers, gefolgt von einer dumpfen Stimme: „Kommen Sie rein, die Türe ist offen, ich hoffe, Sie können mir schnell helfen, die Schweinerei zu beseitigen, ich erwarte nämlich Besuch, der allerdings schon ziemlich spät dran ist. Vielleicht kommt er gar nicht. Ach ja, und ich hoffe, Sie haben Verbandszeug dabei, ich habe mich nämlich ungeschickterweise geschnitten!“

Keanu war platt, was sollte das nun schon wieder. Welchen Trick hatte sie diesmal auf Lager? Er öffnete die Türe und blieb überrascht stehen. Das blonde Mädchen, das er im Costa Café gesehen hatte, kniete auf dem Boden und war dabei, Scherben von offensichtlich zerbrochenen Gläsern mit spitzen Fingern aufzuheben und in einen Abfalleimer, der neben ihr auf dem Boden stand, zu werfen. Blut lief über ihre rechte Hand und tropfte auf den Boden. Sie bot ein jämmerliches Bild und Keanu hätte beinahe zu lachen angefangen, die Situation war zu köstlich. Sie trug ein schwarz-weiß gemustertes Sommerkleid, das offensichtlich nicht von einem der teuren Designer stammte, die sie sonst berücksichtigte. Sie sah so unglaublich jung und beinahe unscheinbar aus mit den kurzen blonden Haaren und ohne die gewohnte Schminke. Jedenfalls hatte sie mit der Giada, an die er sich lebhaft erinnerte, herzlich wenig zu tun. Er überlegte gerade, ob das Ganze ein Trick war, um ihn zu überzeugen, dass sie sich wirklich verändert habe. Giada war alles zuzutrauen, das wusste er nur zu gut.

In diesem Augenblick sah sie auf und Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben. Nach dem ersten Schock, dass er es war und nicht etwa das Zimmermädchen, das sie anscheinend erwartet hatte, stand sie auf und ihr blasses Gesicht rötete sich. Sie stammelte etwas von Gläsern, die sie umgeworfen hatte und sah ihn verunsichert an.

Keanu blieb wie angewurzelt in der Türe stehen, was zum Teufel war hier los? Das war auf keinen Fall Giada, vielleicht eine Doppelgängerin, denn bei näherem Betrachten sah sie zweifellos aus wie Giada. Zwar blond und unsicher, aber ihr Gesicht verfolgte ihn seit langer Zeit in seinen Träumen, also wusste er nur zu verdammt gut, wie sie aussah. Bevor einer von beiden etwas Weiteres sagen konnte, erschien das erwartete Zimmermädchen mit einem Putzwagen. Giada entschuldigte sich mehrfach für ihre Ungeschicklichkeit, obwohl das Zimmermädchen ihr versicherte, dass sie sich keine Sorgen machen müsse. Sie wollte unbedingt die Gläser ersetzen und die Situation schien ihr äußerst peinlich zu sein. Das Zimmermädchen entfernte die Scherben und reichte Giada ein Desinfektionsspray und ein großes Pflaster.

Nachdem sie verarztet war und das Zimmermädchen, nachdem es einen neugierigen Blick auf Keanu geworfen hatte, das Zimmer verließ, standen sie nun in Giadas Wohnbereich der Apartment Suite und beiden fehlten offensichtlich die Worte. Giada fasste sich als Erste wieder, sie räusperte sich. „Bitte setz dich doch. Ich wollte eigentlich eine Erfrischung bereitmachen, aber ich habe leider alles verschüttet. Ich könnte dir aber Tee anbieten. Es gibt einen Wasserkocher in der Kochnische.“

Keanu hob mit einer gleichgültigen Geste die Schultern und setze sich auf eines der Sofas. „Von mir aus, aber ich warne dich. Ich habe nicht viel Zeit und ich bin nur gekommen, weil mich Veronica quasi dazu gezwungen hat, also mach dir keine falschen Hoffnungen, dass ich dir verziehen hätte oder sowas in der Art.“

Giada gab keine Antwort und machte sich mit fahrigen Händen am Wasserkocher zu schaffen. Um ein Haar hätte sie die Tasse fallen lassen. Keanu sprang auf und konnte gerade noch das Schlimmste verhindern. Fehlte noch, dass sich diese Verrückte nun auch noch verbrühte. Sie ging wortlos an ihm vorbei und setzte sich auf das Sofa. Sie versuchte sich zusammenzureißen, aber es wollte ihr einfach nicht gelingen. Sie war mit den Nerven am Ende und obwohl sie es Veronica versprochen hatte, war sie einfach nicht in der Lage, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Nein, sie konnte ihre beschissene Geschichte Keanu nicht erzählen, dann sollte er sie doch ruhig weiterhin hassen. Sie hasste sich selbst ja auch, also spielte es keine Rolle. Einer mehr oder weniger, was machte das schon aus. Sie atmete tief durch und nahm sich so gut es ging zusammen, auch wenn sie sich innerlich wie ein verwundetes Reh, das vor dem Jäger lag, fühlte. Keanu sah ihrer Verwandlung verwundert zu. Wie sie sich mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem Sofa zurechtrückte, eine selbstischere Haltung annahm und ihn aus klaren grauen Augen ansah. Da war sie wieder, die Giada, an die er sich erinnerte. Wow, dachte er, war das eben ihr wahres Ich gewesen und nun setzte sie die Maske der selbstischeren kühlen Giada wieder auf, oder war es eher umgekehrt.

Er wusste es nicht, sah sie aber fasziniert an und wartete darauf, was sie ihm zu sagen hatte. Er hatte das Gefühl, dass sie es sich anders überlegt hatte und ihn nun eine andere Art von Gespräch erwartete als ursprünglich geplant.

„Zuallererst möchte ich dir sagen, dass es nicht meine Idee war, mich mit dir zu treffen. Ich weiß, dass es nichts gibt, was ich dir sagen könnte, das dich jemals davon überzeugen könnte, dass ich kein schlechter Mensch bin, nach allem, was zwischen uns vorgefallen ist und nach allem was dir zugestoßen ist. Leider sieht Veronica das völlig anders und ich musste ihr meine Geschichte wohl oder übel erzählen, weil sie mich zu euch zum Abendessen eingeladen, oder sagen wir eher dazu genötigt hat, bei euch aufzukreuzen. Veronica ist eine sehr sture Frau und lässt sich nicht so schnell von ihren Vorhaben abbringen.“ Keanu hörte ihr interessiert zu, bisher hatte er keine Einwände zu machen an ihrer Geschichte. Giada stand auf und holte den Tee, sie stellte die Tassen auf den Tisch und wirkte wieder komplett ruhig und gelassen.

„Du kannst dir wahrscheinlich vorstellen, dass mich beinahe der Schlag getroffen hat, als ich Gregory sah, und als dein Bruder davon sprach, dass es dein Geburtstag war und du in Kürze auftauchen würdest, war ich total durch den Wind und dachte nur noch daran, schnellst möglichst abzuhauen. Ich war zwar einerseits erleichtert, dass die Legende tatsächlich der Wahrheit entsprach und Gregory überlebt hat. Er sah sogar noch viel besser aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Richtig strahlend.“ Sie nahm einen Schluck Tee und fuhr fort. „Ich konnte mir andererseits aber auch gut vorstellen, wie du reagieren würdest, wenn du mich bei dir zu Hause vorgefunden hättest.“

Er sah sie mit zusammengekniffenen Augen an und sie fügte schnell hinzu: „Zurecht natürlich, nach allem was zwischen uns vorgefallen ist.“ Keanu beobachte sie genau und war überrascht zu sehen, dass ihre selbstsicherere Fassade bereits wieder ein paar Risse abbekommen hatte. Er musterte sie von unten bis oben und stellte fest, dass sie erstens tatsächlich völlig ungeschminkt war und ihre sonst immer tadellos manikürten Nägel unlackiert und kurzgeschnitten waren. Zweitens hatte sie dunkle Ringe unter ihren grauen Augen, wirkte erschöpft und war verdammt dünn geworden. Wo war die Giada mit den sexy Kurven wohl geblieben. Alles in allem sah sie aus wie ein Schatten ihrer selbst. Sie räusperte sich und griff nochmals nach ihrer Teetasse. Sie war sich im Klaren darüber, dass er sie beobachtete, und sie versuchte, sich wieder zur Gelassenheit zu zwingen.

„Ich werde dir jetzt die Kurzfassung erzählen, warum ich hier bin, da Veronica darauf besteht. Ich weiß allerdings auch, dass es dich nicht interessiert, aber ich tue es trotzdem.“ Sie erzählte ihm also die wesentlichen Faktoren, warum sie nach Malta gekommen war, dass sie keinen Ausweis bei sich trug und vor wem sie auf der Flucht war.

Das war nicht weiter schwierig zu erzählen, da sie außer vor Giovanni, ihrem Fahrer, und ihrer Mutter, vielleicht noch Michele, der aber sein Plappermaul meist nicht im Zaum halten konnte, eigentlich vor der gesamten Sippe inklusive sämtlicher Mittelsmänner ihres Vaters und nicht zu vergessen ihres Bräutigams in spe auf der Flucht war. Keanu sah sie ungläubig an während ihrer Kurzgeschichte und sie beeilte sich kurz noch anzumerken, dass ihr alles unglaublich leidtat, was zwischen ihnen vorgefallen war und dass Giovanni, ihr Fahrer, ihn auf ihre Anweisung hin aus dem Hafengewässer gezogen habe damals. Keanus Gesichtsausdruck wurde immer grimmiger und bevor er aufstehen würde und aus dem Zimmer stürmte, setzte sie ein hoffentlich entwaffnendes Lächeln auf, das wohl eher einem Grinsen gleichkam, stand auf und streckte ihm die bandagierte Hand entgegen. „Ich weiß, dass du mich nicht ausstehen kannst und mir nicht über den Weg traust, aber können wir nicht einfach wieder Freunde sein, ganz ohne Hintergedanken. Ich bin verdammt alleine auf dieser Insel und würde mich freuen, wenn du das, was gewesen ist, beiseiteschieben könntest und wir neu anfangen könnten, als Freunde.“ Er blieb einen Moment sitzen und sah sie fassungslos an, er konnte nicht glauben, was da gerade abging. Giada entschuldigte sich bei ihm und verlangte Freundschaft? Er stand auf und sah auf sie hinunter. „Du willst Freundschaft? Ich fasse es nicht. Denkst du, ich könnte nach allem was war mit dir befreundet sein? Wohl kaum. Die Narben auf meinem Rücken erinnern mich jeden Tag an deine sogenannte Liebe. Also würde ich Freundschaft mit dir wohl kaum überleben.“ Er drehte ihr den Rücken zu und ging Richtung Türe, dann drehte er sich nochmals um. „Deine kleine Geschichte war übrigens ziemlich unterhaltsam, obwohl ich kein einziges Wort davon glaube. Da du aber mit gefärbten Haaren herumläufst und total scheisse aussiehst, muss wohl etwas dran sein. Kann sein, dass dein Alter dich mit einem seiner sogenannten Geschäftsfreunde verheiraten wollte. Mir kommen die Tränen, hast du schon mal was von Karma gehört?“ Sie stand wie erstarrt im Raum und sah ihn mit großen grauen Augen an, die sich langsam mit Tränen füllten.

„Freunde vertrauen einander, Giada, und ich werde dir nie wieder vertrauen, ganz egal ob Veronica dir glaubt oder nicht. Ich für meinen Teil kenne dich zu gut und weiß, was für eine tolle kleine, berechnende Schauspielerin du bist.“


 
 
 

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